Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Wüstenritt durch ein unbekanntes Land – Teil 4 Mary, Merw und Ashgabat

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Freitag 25.05.2018 – Mary am letzten Schultag

Zum Sonnenaufgang halb sechs wache ich in meinem Zelt auf. Die Vögel zwitschern schon wie wild und die Luft ist mit rund 15 Grad angenehm frisch. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe nochmal zu den Ausgrabungen, die in der Morgensonne liegen. Dann ein letztes Frühstück im Freien, ein letztes Posieren der Fahrer vor ihren Allradfahrzeugen und schon geht es auf den Rückweg in die Zivilisation nach Mary. Die dreistündige Fahrt auf der Piste und auf schlaglochübersäten Asphaltstraßen ist wie immer holprig, aber wir sind es nun gewohnt. Kaum kommen wir nach den Tagen in der Wüste wieder in Gebiete, wo Handyempfang möglich ist, telefonieren Fahrer und Guide lange mit ihren Leuten. Nachdem uns an den letzten fünf Tagen insgesamt maximal zehn Autos begegnet sind, nimmt der Verkehr jetzt in Stadtnähe zu, was bei den trockenen Pisten zu sehr staubigen Verhältnissen führt. Hier um Mary herum wird viel bewässert, weswegen ringsherum alles grün ist. Auf den riesigen Feldern wird das Unkraut von den Leuten per Hand gejätet, in der sengenden Sonne! Das obligatorische Großgelände mit schneeweißer neuer überdimensionierter Schule ist das Zeichen, dass die Stadt beginnt. Während die Fahrer an einer Waschanlage die Autos waschen, beobachten wir das Treiben an der Einfallstraße. An einer Halle stehen rund hundert Menschen, die angeblich auf Baumwollöl und Mehl warten, das zugeteilt wird, eine staatliche Maßnahme. Ungewöhnlich viele Ladas und andere russische Fahrzeugtypen fahren oder stehen herum. Der Rest sind japanische Marken und vereinzelt ein paar BMW. Ins Stadtzentrum hinein werden die Straßen breiter und voller und die Gebäude größer. Es wechseln sich nun heruntergekommene russische Wohnblocksiedlungen und Palaststraßen ab. Im Zentrum stehen dann nur noch glanzvolle Prunkbauten, wie der Kulturpalast, die Bibliothek, die Hauptmoschee, das Nationalmuseum und auch unser Hotel. Was für ein schräges Gefühl mit unseren staubigen Sachen, dem Wüstenlook und versandeten Gepäckstücken ein Fünfsternehotel zu betreten! Nach einer ausgiebigen Dusche und der Rasur meines Fünftagesbarts erkenne ich mich langsam im Spiegel wieder. Doch es bleibt keine Zeit zum Trödeln, denn wir wollen gemeinsam Mittagessen gehen. Schnell merken wir, dass alle Restaurants geschlossen sind. Wir erfahren, dass heute der letzte Schultag ist. Und weil man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Besäufnissen gemacht hat, wurden per Befehl kurzerhand alle Restaurants im Land geschlossen: staatliche Maßnahme! Überhaupt zeigt sich ab jetzt die ganze Absurdität des Systems, das ich mir bisher immer noch schön geredet hatte. Wir fahren ins Nationalmuseum. Fotoapparate müssen am Eingang abgegeben werden. Wir sind die einzigen Besucher in dem Riesengebäude. Etwa zwanzig Museumsangestellte verteilen sich in den Räumen und haben uns immer im Blick. Neben Ausstellungen zur Flora und Fauna, zur Geschichte und zur Handwerkskunst des Landes befasst sich ein Flügel des Museums ausschließlich mit dem Präsidenten. Auf dem Pferd, auf der Jacht, auf dem Feld, auf dem Bauernhof usw. ist der Präsident auf großen Fotos zu sehen. Die Krönung ist aber, dass sich beim näheren Hinsehen alle Fotos als Fotomontagen herausstellen! Nichts ist echt hier! Was für ein Personenkult… Weiter gehts zur Moschee. Sie ist nagelneu, riesig und angenehm runtergekühlt. Es ist Freitag später Nachmittag und eigentlich Zeit für das Freitagsgebet. Nur ist niemand hier. So genau nimmt man es hier mit der Religion dann doch nicht. Hauptsache das Gebäude überstrahlt alles. In der Nähe vom Hotel sehen wir auf einem großen Platz eine Ansammlung von gut gekleideten jungen Menschen und gehen ohne Guide hin. Es ist ein Fest für die Schulabgänger, eine staatliche Maßnahme! Mit der elften Klasse ist die normale Schule hier beendet und das will gefeiert werden. Wir gehen langsam auf den Festplatz zu und spüren schon die Blicke der zahlreichen Polizisten ringsherum. Ich ermahne die anderen bloß ihre Kameras in der Tasche zu lassen. Aufhalten tut uns niemand, also stellen wir uns am Rande des Geschehens hin und beobachten das Treiben. Vor einem übergroßen Bild des Präsidenten spielt eine Art DJ orientalische Diskomusik und die Jugendlichen tanzen mit den Armen in der Luft miteinander und ausgelassen. Ringsherum stehen locker verstreut viele Frauen, vermutlich die Mütter und/oder die Lehrerinnen. Männer sind fast keine zu sehen. Außer welche in weißen Hemden in kurzen Viererketten. Die lernen wir gleich kennen. Denn die jungen Leute haben uns natürlich längst gesehen und tuscheln und kichern überall. Touristen fallen hier auf wie bunte Hunde. Drei Mädels nähern sich uns einigermaßen unauffällig und nehmen Kontakt zu uns auf. Wir smalltalken ein wenig, woher wir kommen usw. Ich lasse mir das Fest erklären und erfahre, dass es für die Abschlussklassen aller Schulen der Stadt organisiert ist. Die Mädels zuckeln nun schon ganz nervös mit ihren Handys herum und schon bald macht die erste ein Selfie mit uns. Den Bann gebrochen machen es die anderen ihr nach und auch meine Mitreisenden machen nun Fotos. Und schon kommen die Weißhemden zum Einsatz. In schnellem Schritt kommt einer auf uns zu und ermahnt uns freundlich aber bestimmt: no photos please. Es sind alles staatliche Aufsichtspersonen, die hier alles im Blick haben und überwachen. An den Säulen und Laternenmasten hängen überall Kameras. Wir gehen zügig auf die andere Seite des Platzes, wo aber auch schon bald wieder Mädchen auf uns zukommen und untereinander Selfies machen, auf denen wir „zufällig“ mit drauf sind. Diesmal lassen wir unsere Kameras aber stecken und werden von den Weißhemden nicht weiter behelligt, wohl aber beobachtet. Stattdessen unterschreiben wir auf den Schärpen der Absolventen und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft, in der ernsthaften Hoffnung, dass sich für sie das Land öffnen möge. Jetzt aber nochmal zum Äußeren: Die Absolventen haben sich alle schick gemacht: die Jungen in schwarzen Hosen und weißen Hemden mit Krawatte, die Mädchen in langen Kleidern. Soviel geballte Schönheit hab ich selten gesehen. Die Mädels sind alle gertenschlank und würden jedem Model-Scout die Tränen in die Augen treiben. Die Haare werden lang getragen, oft zu Zöpfen gebunden. Die langen bunten Kleider sind extrem körperbetont und nicht wenige im Licht der Sonne (und die Sonne scheint hier immer!) durchsichtig, sodass sich die neuesten Unterwäschetrends studieren lassen, und die sind heiß! Ok ok, ich hör schon auf; auf jeden Fall wird einem da als Mann ganz anders. Unsere mitreisenden Frauen fanden die jungen Männer aber auch sehr schick! So, aber der Tag ist noch nicht vorbei. Unser Guide hat ein Restaurant gefunden, das angeblich nur für uns zum Abendessen öffnen würde. Als wir gegen 20 Uhr hinkommen, stehen große SUVs vor dem Restaurant und im lauschigen Biergarten sind alle Plätze belegt. Anscheinend wurde der Bann wieder aufgehoben, staatliche Maßnahme. Wir lassen uns Stühle bringen, essen frischen Salat und trinken ein groooßes kühles Bier dazu. Im Park nebenan feiern ein paar Absolventen weiter, denn die offizielle Feier ist seit zwei Stunden zu Ende. Mit Einbruch der Dunkelheit nähern sich plötzlich Polizeiautos mit Blaulicht. Durch die Lautsprecher ertönen laute Ansagen. Unser Guide übersetzt: erst heißt es nur „den Weg freimachen“, aber kurz darauf „das Restaurant muss geschlossen werden“. Alle werden nervös, die Kellnerin bringt schnell die Rechnung, wir zahlen fix und gehen zügig Richtung Hotel. Jetzt sehen wir, dass an allen Punkten Polizisten stehen und viele Polizeiautos umherfahren. Die Ansagen lauten jetzt „Alle Schulabgänger müssen nach Hause gehen!“. Das ist alles schon sehr grotesk, wenn es nicht ernst wäre. Die Schüler, die wir auf dem kurzen Weg zum Hotel sehen, lassen sich allerdings wenig beeindrucken und erzählen quer über die Straße mit uns. Vermutlich ist diese Aktion für sie nicht Außergewöhnliches. An der Straße vorm Hotel werden dann jedoch auch Geheimdienstleute gesichtet, also ziehen wir uns lieber ins Hotel zurück. Man, ist das aufregend hier! Von meinem Rundumblick im Hotelzimmer beobachte ich die Polizei noch eine ganze Weile, wie sie mit lauten Ansagen und quietschenden Reifen durch die Straßen jagt und die jungen Leute versucht sonstwohin zu treiben; das hat schon was Beängstigendes. Gegen 23 Uhr kehrt endlich Ruhe ein. Ich brauche noch ein Stück, um runterzukommen und schlafen zu können.

Sonnabend 26.05.2018 – Merw

Heute steht Kultur auf dem Programm. Das Ziel ist das nahegelegene Merw, einer der bedeutendsten historischen Orte an der Seidenstraße. In diversen Jahrhunderten, als noch ein Fluss hier entlang führte, haben Herrscher ihre Städte, Festungen und Wehranlagen gebaut. Erstaunlicherweise hat jeder Herrscher an einem anderen Platz gebaut, sodass auf dem großen aber überschaubaren Gebiet mehrere jeweils ein bis zwei Quadratkilometer große Städte bzw. deren Überreste zu besichtigen sind. Meist sind nur die imposanten Erdwälle geblieben, die eine Anlage umreißen. In den Senken dazwischen, in denen damals die Häuser standen, wachsen kleine Sauxalwäldchen mit unzähligen Vögelchen, die außerhalb der UNESCO-Anlage längst abgeholzt und verfeuert worden wären. Einzelne Mausoleen, Festungen und Moscheen wurden wieder aufgebaut und können besichtigt werden. Sie stehen heute symbolisch für den einstigen Glanz wie Denkmäler in der flachen Ebene der Merw-Region. Die Sonne brennt erbarmungslos auf das schattenlose Gebiet und uns, weswegen wir immer nur für zehn bis fünfzehn Minuten aus dem klimatisierten Bus aussteigen und besichtigen können. Nach dem Studium verschiedener Dynastien und ihrer Baustile ist es Zeit für Schaschlik und ein Kaltgetränk in einem Restaurant. Auf dem Weg dahin passieren wir skurrile Gebäude zwischen den Feldern außerhalb der Stadt, wie zum Beispiel ein riesiges Altersheim, ein futuristisches Fitnessstudio oder eine Pferderennbahn, alles mitten im Nichts gelegen. Aus der Pferderennbahn strömen gerade viele Menschen, es hat eine staatliche Maßnahme stattgefunden… Zurück in der Stadt noch ein Kurzbesuch auf dem Basar und dann erstmal Ausruhen im Hotel bis es kühler wird. Am Abend besuchen wir ein schönes Gartenrestaurant am Fluss und lassen uns das frische Bier in der warmen Abendluft schmecken.

Sonntag 27.05.2018 – Flug nach Ashgabat – Heimreise

Heute ist Aufstehen mit der Sonne angesagt, denn 6 Uhr ist Abfahrt zum Flughafen von Mary. Von hier fliegen wir nach Ashgabat zurück. Der Flug mit Turkmenistan Airlines dauert gerade mal eine halbe Stunde. Handys werden da gar nicht erst ausgeschaltet und während des Ausrollens auf dem Flughafen in Ashgabat stehen schon die ersten auf dem Gang und räumen ihre Sachen aus den Gepäckfächern. Vom Flughafen fahren wir zum Yldiz-Hotel, der Top-Adresse im Land, nagelneu in Form eines Segels auf einen Hügel gebaut. Vom Restaurant ganz oben hat man einen tollen Blick auf die Stadt. Im unteren Restaurant trinken wir gemütlich Kaffee und Tee und freuen uns über das erste gut funktionierende WLAN in diesem Land. Ich nutze die Gelegenheit und checke mich auf einem ruhigen Platz im Flieger ein. Als letzten Programmpunkt besuchen wir das Nationalmuseum, wieder mit einer großen Abteilung über den Präsidenten. Hier bekommen wir nochmal einen abschließenden Überblick über das Land und alle Stationen, die wir besucht haben. Der Weg zum Hotel führt uns wieder durch die ganze Stadt. Und wieder sind wir verblüfft, wie übertrieben schön und weiß leuchtend alle Gebäude sind. Die Stadtplaner haben hier wirklich ganze Arbeit geleistet! Hatte ich erwähnt, dass auch die Autos alle weiß sein müssen? Farbige Autos mussten auf Geheiß des Präsidenten umgespritzt werden, staatliche Maßnahme!

Im Hotel im Tageszimmer ist Siesta angesagt. Zudem fängt es von den Bergen herüber an zu regnen und sogar zu gewittern. Also schaue ich bisschen fern und bin erstaunt, wie psychomäßig der Präsident auf den turkmenischen Sendern überrepräsentiert ist. Zum letzten Abendessen gehen wir in ein angesagtes Hinterhoflokal, wo gerade der Strom ausgefallen ist. Macht aber nichts, denn gegrillt wird auf Holzkohle. Wir genießen Lammfilets und frisches Bier. Es ist Zeit sich bei unserem Guide zu bedanken! Kurz vor Zehn werden wir rausgeschmissen, weil geschlossen wird, grundsätzlich, staatliche Maßnahme! Also zurück zum Hotel und Sachen packen für die Abfahrt um Mitternacht. Alles klappt reibungslos. Auf dem Rückflug habe ich tatsächlich wieder die ganze Reihe für mich allein und kann mich lang hinlegen. So komme ich einigermaßen ausgeruht und um tolle Erlebnisse reicher am Vormittag in Frankfurt an.

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